Mittwoch, 8. Oktober 2014

Der Preis der Wiedervereinigung

Der Anfang vom Ende der DDR wurde mit der Massendemonstration am 9. Oktober 1989 eingeläutet. Mehr als 70.000 Menschen waren in Leipzig auf der Straße und marschierten vom heutigen Augustusplatz über den Innenstadtring. Die Demonstranten sind friedlich, ihre Losung "keine Gewalt". Sie tragen Kerzen bei sich und beten. Morgen jährt sich dieses Datum zum 25. Mal. Für mich bedeutet das: Die vergangenen Jahre Revue passieren zu lassen.




Es dauerte nicht mehr lange und die Berliner Mauer fiel und damit auch die Trennung der 2 deutschen Staaten. Die Bürger der DDR konnten nun ohne Schwierigkeiten in die BRD reisen. Aus 2 mach 1.

Und da liegt der Hase im Pfeffer begraben. Aus 2 mach 1. Geht das denn so einfach?

Nein. BRD und DDR hatten zwei grundverschiedene Wirtschaftssysteme und zwei verschiedene Währungen mit, und das ist besonders wichtig, zwei völlig unterschiedlichen Leistungsniveaus.

Es gab die Überlegung, die Ostmark noch eine Weile auf dem Gebiet der ehemaligen DDR zu behalten, bis sich die Leistungsfähigkeiten angeglichen haben. Aus wirtschaftlichen Gründen sinnvoll und die richtige Entscheidung, aus politischer Sicht nicht durchsetzbar. Die Bürger der DDR drohten mit einer Völkerwanderung in die westlichen Gefilde, hätten sie nicht die harte D-Mark bekommen.

Die Folgen waren gravierend: Die Betriebe in der DDR mussten nun mit einer Währung operieren, die für ihre Leistungsfähigkeit sehr stark überbewertet war. Die Betriebe konnten es nicht mit der starken West-Konkurrenz aufnehmen. Ohnehin hatten DDR Unternehmen wie Rotkäppchen, Vita Cola und Fit, die hier nur beispielhaft für viele stehen, große Absatzeinbußen. Der DDR Bürger wollte nicht mehr seine bekannten Ostprodukte konsumieren. Man wollte die Produkte aus dem goldenen Westen. Man wollte Coca Cola.

Die Sektkellerei Rotkäppchen hatte im Jahr 1990 50% Verkaufsrückgang. Die Marke drohte in der Versenkung zu verschwinden. Der FIT GmbH (Spülmittel) drohte fast die Insolvenz, weil sie nicht von den meisten neuen westdeutschen Handelsketten gelistet wurde. Ein sehr ähnliches Schicksal ereilte der Vita Cola. Auch sie verschwand aus den Regalen, um Coca Cola Platz zu machen.

In der Zwischenzeit haben es diese Unternehmen wieder geschafft sich einen Platz in den Regalen zu erkämpfen. Alle drei sind noch am Markt aktiv. Irgendwann haben sich die Menschen wieder zu ihren Ostprodukten bekannt. In meiner Küche wird nur mit FIT abgewaschen, auf Arbeit stoßen wir mit Rotkäppchen Sekt an und auf Partys trinke ich Vita Cola. :)

Was wäre passiert, wenn die Ostmark vorrübergehend in der DDR erhalten geblieben wäre?

Es wäre zu einem großen Boom gekommen. Die Währung hätte zur Leistungsfähigkeit der Wirtschaft gepasst und man hätte die gesetzlichen Grundlagen der BRD gehabt.

Das Gebiet der ehemaligen DDR wäre so ein interessantes Investitionsziel für westdeutsche und ausländische Unternehmer gewesen. Sie hätten Fabriken in der ehemaligen DDR gebaut oder Produkte dort eingekauft.

Die Währung wäre parallel zur wirtschaftlichen Entwicklung immer weiter angezogen. Und wenn sie ungefähr auf dem gleichen Level wie die Westmark gewesen wäre, hätte man die Währungsunion in aller Ruhe vollziehen können.

Damit wär ein wesentlicher Teil der 1,5 Billionen Euro Transferzahlungen überflüssig gewesen. Damit nicht genug: Unzählige Fabriken wären nicht geschlossen worden, Tausende von Menschen wären nicht arbeitslos geworden.

Unterschiedliche Wirtschaftsleistungen innerhalb einer Gemeinschaft können bei gleicher Währung nur durch sogenannte Transferzahlungen ausgeglichen werden, da eine Anpassung der jeweiligen Währung nicht mehr möglich ist. 

Es ist immer dramatisch für eine Volkswirtschaft, wenn die Währung nicht der Leistungsfähigkeit der eigenen Wirtschaft entspricht. Es fließen also Gelder von wirtschaftlich hoch entwickelten Bundesländern wie Bayern nach weniger hoch entwickelten Bundesländern wie Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Zu hohe Ausgleichszahlungen gefährden den sozialen Frieden in einem Land und die Stimmen der leistungsstarken Bundesländer die Zahlungen einzustellen, werden immer zu lauter.

Und wenn das schon innerhalb unserer halbwegs homogenen Bundesrepublik zu Schwierigkeiten führt, dann kann der Euro für die Europäische Union nur der Todesstoß sein. Ländern wie Deutschland und Frankreich die gleiche Währung zu geben wie Griechenland ist fatal. Auch hier war die Einführung des Euros eine rein politische Entscheidung.

Was hat die Wiedervereinigung mit dem Euro zu tun?

Im Rahmen der Zwei-plus-Vier-Gespräche verhandelten die BRD und die DDR mit den 4 Siegermächten über die Zukunft des Deutschen Staates. Der französiche Staatspräsident Mitterand hielt an seiner Forderung "Ihr bekommt die Wiedervereinigung nur, wenn ihr auf die D-Mark verzichtet." fest. Zu groß war die Angst, wieder ein übermächtiges Deutschland im Herzen Europas zu haben. Eine gemeinsame Währung sollte entgegenwirken. Den Zusammenhang zwischen Wiedervereinigung und der späteren Euro Einführung wollen heute viele Politiker nicht mehr wahr haben. Es soll eine Absprache zwischen Kohl und Mitterrand gewesen sein.

Der Preis der Wiedervereinigung ist also auch die Einführung des Euros - Eine Währung, die nicht zur Wirtschaftsleistung  jedes Landes innerhalb der EU passt und immer mehr Länder daher in den sicheren Ruin stürzt.

Wir haltenn also fest: 
Es ist unwahrscheinlich wichtig, dass ein Land eine Währung hat, die zu seiner wirtschaftlichen Leisungsfähigkeit passt.

Es lag mir sehr am Herzen euch diesen Zusammenhang zu erklären. Wer es bis hier her geschafft hat, darf sich nun auf leichtere Kost freuen. Ich beantworte im Folgenden die Fragen, die Alexander im Rahmen seiner Blogparade gestellt hat. 

1. Habt ihr es damals miterlebt, vll. sogar live, wie die Mauer gefallen war und wie die Menschenmassen in den Westen strömten?

Ich bin am 1. August 1987 geboren und war somit noch viel zu klein, um etwas bewusst mitzubekommen, geschweige denn mich zu erinnern. Mein Elternhaus steht auf dem schönen brandenburgischen Land, ca 60 km von Berlin entfernt. Ich glaube mich zu erinnern, dass meine Famile zeitnah nach Westberlin gefahren ist. Ich weiß auch noch aus späteren Erzählungen, dass viele Mitschüler meiner älteren Schwestern einen Tadel bekommen sollten, weil sie am nächsten Tag nicht zur Schule, sondern nach Berlin gefahren sind.

2.  Was fällt euch alles zum Mauerfall ein?

Der Fall der Berliner Mauer ist für mich ein hoch emotionales Thema, bei dem mir viel zu schnell Tränen über die Wangen kullern. Die Wiedervereinigung unseres Landes ohne Waffengewalt, ohne Krieg und ohne Blut vergießen ist eine großartige, schicksalhafte Begebenheit unserer jüngsten Geschichte. So viele Menschen fanden im Vorfeld ihren Tod bei dem Versuch auf die andere Seite zu kommen. Familien und Paare wurden durch den Mauerbau getrennt. So viele Tränen, die wegen dieser Mauer vergossen wurden, so viel Leid. Und nach der Euphorie der ersten Stunde stellte man fest, dass die Jahrzehnte der Trennung doch die Menschen verändert haben.

3. War DDR besser als das heutige einheitliche Deutschland? Was war besser und was schlechter?

Vor einiger Zeit fragte ich meinen Vater, warum er nie versucht hat in den Westen zu fliehen, war er doch auch nicht mit dem System einverstanden. Seine Antwort überzeugte mich: "Mit drei kleinen Kindern machst du das nicht. Das Risiko ist zu hoch gewesen."
Viele Menschen neigen dazu die Vergangenheit in einem rosaroten Licht darzustellen. Die Erinnerungen verblassen und man behält oft nur die schönen Dinge in Erinnerung. Für viele DDR-Bürger ist die Erinnerung an die DDR immer mit der Erinnerung an die eigene Jugend verbunden. 
Die DDR war ein Überwachungsstaat, hat Menschen, die nicht systemkonform waren inhaftiert oder umgebracht. Man durfte nichts gegen den Staat sagen, es herrschte ein Mangel an allen Ecken und Enden. Angefangen bei Nahrungsmitteln bis hin zu Baumaterialien. Da fällt mir wieder die blaue Fliesen- Geschichte aus dem Stadtbad ein.
Aber, und das muss auch gesagt werden, viele sagen auch, dass in der DDR das Miteinander besser gewesen wäre. Weniger Konkurrenz, mehr Freundschaft, mehr Zusammenhalt. Die Not schweißt zusammen, heißt es. Meine Eltern hatten wesentlich mehr Zeit, um mit meinen Geschwistern etwas zu unternehmen, als sie es mit mir getan haben. Ab 1990 mussten sie um ihre Existenz kämpfen und neue Berufe ergreifen.
Eine Checkliste pro und contra DDR ist daher aus einer Vielzahl von Gründen nicht möglich.  Aber am Ende zählt nur, dass wir wieder ein vereintes Land sind. 

4.Was macht ihr regulär am dritten Oktober (geht ihr in die Kneipe mit Freunden und verbringt den Tag lieber zuhause oder bloggt gar fleissig?)

Das schönste am 3. Oktober ist, dass es ein gesetzlicher Feiertag ist. Der Tag sollte mal auf den ersten Sonntag im Oktober verschoben werden, um durch weniger Feiertage die Produktiviät zu erhöhen. Zum Glück verlief sich dieser Vorschlag im Sande. Ich habe an diesem 3. Oktober die wundervolle Sonne im Park mit meinem Partner, der ursprünglich aus Westdeutschland kommt, genossen und anschließend über diesen wundervollen Tag im Park gebloggt. Was ich die letzten Jahre am Tag der deutschen Wiedervereinigung gemacht habe, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich habe ich ihn mit meinem Freund verbracht. 

5. Seid ihr Ossis oder Wessis? Oder ist es euch gleich?

Da ich in der ehemaligen DDR geboren wurde, bin ich formal eine Ostdeutsche. Ich bin aber in der BRD aufgewachsen und sozialisiert. Die DDR kenne ich nur aus Erzählungen meiner Familie. Aber ich muss auch sagen, dass nicht 1990 gleich überall der Westen Einzug gehalten hat. Ich saß noch in der Grundschule an den gleichen Bänken wie meine Schwestern. Heute stehen sie im Museum. Ich spielte noch mit den DDR-Puppen meiner Schwestern ...
Aber in einem Punkt bin ich ein Wessi: Bei mir ist es "Viertel nach 8" und nicht "Viertel 9"! :)
Mittlerweile interessiert es niemanden mehr, ob man aus Ost oder West, Nord oder Süd kommt. Schließlich ist das schon ein Viertel Jahrhundert her. Meine Generation interessiert es wirklich nicht mehr. 

6. Und euer Fazit?!

Wir sind ein Volk!
Ich bin so froh, dass es kein geteiltes Deutschland mehr gibt, dass ich reisen kann, wohin ich will und wozu mein Budget und meine Zeit reicht. Und ohne Wiedervereinigung hätte ich nie meinen wundervollen Freund kennengelernt.

Die politschen Entscheidungen zur Wendezeit waren wirtschaftlich gesehen nicht die besten. Aber wir wissen auch nicht, wo wir heute ständen, wenn sich die Politiker anders entschieden hätten.

Juristisch gesehen trat die DDR dem Grundgesetz der BRD bei. Meiner Meinung nach hat man hier die Chance auf eine gemeinsame legislative Basis gehörig vertan. Eine gemeinsam erarbeitete Verfassung wäre ein solideres Fundament für unsere Republik gewesen.

Noch immer gibt es wirtschaftliche Unterschiede. Diese schlagen sich bei den Mietpreisen, Stündenlöhnen etc nieder.

Aber eines steht fest:  Uns verbindet mehr, als uns trennt.

Wir sind ein Volk!

Kommentare:

  1. Hallo Myriam,
    eine wirklich schöne, umfassende und sehr informative Erzählung. Ich habe alles durchgelesen und auch viel Neues erfahren. Ich bin ja ein Spätaussiedler und kam erst 1995 nach Deutschland. Da habe ich aber schon gesehen, welche Zustände in den neuen Bundesländern geherrscht hatten.

    Aber dennoch fand ich nach der Schule schnell eine Ausbildung und lebe seitdem in meiner zweiten Heimatstadt namens Rostock. Ich bin auch froh, dass die Deutschen nun gemeinsam in die Zukunft schauen und dass es nicht mehr so viel Unterschied zwischen Ost und West gibt.

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    1. Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar und es freut mich, dass du meine Zeilen interessant fandest und sogar etwas Neues mitnehmen konntest. Ich finde am "interessantesten" (vlt ist es nicht das passende Wort dafür, aber mir fällt kein besseres ein) wie sehr anfangs, die Unterschiede in den jeweiligen beiden deutschen Staaten waren und das nach nur knapp einer Generation der Trennung. Man verstand die Einstellungen des anderen nicht, misstraute denen von der anderen Seite, etc. Ich finde so lernt man auch viel darüber, wie eine verschiedene Sozialisierung die Menschen beeinflusst. Denn jetzt 25 Jahre und wieder fast eine Generation später ist die Trennung kaum noch zu spüren. Soziologisch gesehen höchst beeindruckend, wie ich finde. :)

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  2. Hallo Myriam,
    du hast aber wirklich ausführlich geschrieben, toll! Studierst du eigentlich BWL oder VWL oder so etwas? Deine Erklärung fand ich sehr nachvollziehbar, auch wenn ich sie noch nie vorher gehört habe.

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    1. Vielen Dank! Das soll auch meine Blog-Nische werden - Wirtschaft in Einfach! :) Ja, ich studiere Business Administration (BWL) an der FOM in Leipzig. Ich lese viel lieber Wirtschaftsbücher als Krimis, von daher stoße ich auch auf das ein oder andere interessante Thema. :) Die Bücher von Dirk Müller, dem deutschen Börsen-Experten sind sehr gut geschrieben und meine Empfehlung, falls du noch eine Leküre für die Weihnachtstage benötigst. :)

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  3. Liebe Myri,
    sehr interessanter Beitrag und super geschrieben - und wieder was dazugelernt. Als "Fit-Spüler" wusste ich seither nicht, woher es kommt. Ich finde es auch enorm, wie sich in 25 Jahren alles zusammengefügt hat, so dass man kaum noch etwas merkt...

    Liebe Grüße
    Petra

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    1. Also auf der in der Küche stehende Fit-Flasche steht Zittau als Herstellungsort drauf. :) Bei uns ist Fit als Oberbegriff für Spielmittel das, was Tempo für Taschentücher ist. :) Wenn das eine Marke geschafft hat, ist es ein gutes Zeichen. :) LG Myriam

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