Dienstag, 23. September 2014

2 Männer erobern mit Handarbeit die Welt - myboshi Gründer im Interview *

Es gibt nicht viele Gründe, für die ich meine Vorlesungen am Samstag ausfallen lassen würde. Die Gelegenheit mit den Gründern von myboshi ins Gespräch zu kommen, ist einer davon. Wie ihr bereits in meiner Ankündigung lesen konntet, durfte ich letzten Samstag Thomas und Felix interviewen. Wir sprachen darüber wie es ist in Deutschland Unternehmer zu sein, wer die fleißigen Bienchen sind, die die Mützen häkeln, wo die Wolle herkommt und was die Jungs für die Zukunft planen.


Thomas und Felix vor dem Reinert Bärchen Mobil



Ohne lange Vorrede geht´s direkt los mit dem Interview:

Myriam:  Ich habe im Internet gelesen, dass ihr während eines Skiaufenthalts in Japan aufs Häkeln gekommen seid. Abends hat es euch dort eine spanische Skilehrerkollegin beigebracht.

Felix von myboshi (beginnt eine Bärchen- Boshi zu häkeln): Richtig. So kann man es auf den Punkt bringen. Wir haben tagsüber kleinen Kindern das Skifahren beigebracht und abends konnte man nicht so viel machen. Und so sind wir dann zum Häkeln gekommen. Zuerst haben wir gesagt: Oh Häkeln, das ist nichts für uns. Wir probierten es aber trotzdem aus und nachdem wir unsere erste Mütze fertig hatten, waren wir so begeistert, dass wir die Nadel nicht mehr losgelassen haben und eine Boshi nach der anderen gehäkelt haben. Nach dem Skilager hatten wir noch 2 Wochen Zeit, um durch Japan zu reisen. In einem Bus trafen wir 2 Australier, die uns sofort auf unsere Mützen ansprachen. Sie wollten wissen, wo wir sie gekauft hätten und wir konnten stolz sagen, dass wir sie selbst gehäkelt haben. Tja und unsere zwei Mützen haben sie uns dann direkt vom Kopf weg abgekauft. Den Abend verbrachten wir in einer Karaokebar und aus der guten Laune heraus beschlossen wir: Wenn wir wieder in Deutschland sind, häkeln wir weitere Mützen und verkaufen sie.

Myriam: Hat euch am Anfang jemand komisch angeschaut? Zwei Jungs, die häkeln und damit Geld verdienen wollen? Es ist ja eher noch sone "Frauensache".

Felix: Ja das ist wahr. Die ersten Reaktionen waren nicht: Ja klar, sondern: Wow, das klingt spannend, da schauen wir mal, was daraus wird. Nachdem das Produkt jeden schnell überzeugt hatte, war das kein Thema mehr. Mittlerweile gibt es mehr Männer, die sich outen und Spaß am Häkeln haben. Generell wird jetzt das Thema Handarbeit für junge Leute interessanter. Es rückt immer mehr in die Mitte der Gesellschaft und somit in die Herzen der Leute. Wir tragen dazu bei, dass es cool ist und nicht mehr "von Omas für Omas". 

Thomas: Wenn man wirtschaftlich redet, kann man sagen, dass durch uns, durch myboshi, die Handarbeitsbranche zweistellige Zuwachsraten zurzeit im Jahr hat. Das ist jetzt nicht so, weil Frauen mehr häkeln, sondern weil neue Leute dazukommen. Und das sind eben auch Männer.


" Wir sind zwei Jungs, wir häkeln und machen jetzt ernst."


Myriam: Im Januar 2009 ward ihr in Japan, im März habt ihr eure Firma gegründet. Wann war für euch der Punkt an dem ihr gedacht habt: Das kann mehr werden, damit kann man Geld verdienen?

Felix: Unsere Verkaufszahlen steigerten sich recht schnell. Aber bis wir sagen konnten "Davon können wir leben." hat es schon eine Weile gedauert. Zuerst haben wir für uns gehäkelt, dann für Freunde, dann waren wir auf Märkten. Nach einem Jahr standen wir vor der Entscheidung: Machen wir weiter oder nicht. Wir konnten nicht mehr alle Mützen allein häkeln. Und somit standen wir vor der Frage: Nehmen wir das Geld und fahren in Urlaub oder schauen wir, ob wir myboshi weiterentwickeln können. Wir sahen da Potential. Wir suchten uns daher ein paar Häkel-Omis, die uns verstärkten und wir starteten eine professionelle Webseite. Das war unser Grundstein. Die Presse hat auch dazubeigetragen, dass wir bekannter wurden, weil sie die Geschichte spannend fand. Und so kam das ganze Thema auch an die Leute heran. 

Thomas: 2011 war ich dann so langsam mit dem Studium fertig. Ich habe Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Meine Überlegung war: In meinem Beruf bekommt man relativ schnell und gut einen Job. Einige Menschen machen nach dem Studium ein Jahr lang eine Weltreise oder nichts und ich habe mir gesagt, ich versuche jetzt ein Jahr lang myboshi aufzubauen. Wenn es funktioniert ist es gut, wenn nicht, muss ich mich halt bewerben. Das war das erste Mal, wo wir auf Risiko gespielt haben, sonst haben wir neben der Uni gehäkelt.

Myriam: Ich kann mir gut vorstellen, dass ihr da richtig viel Zeit investiert habt. Das klingt nicht nach 2 Stunden am Wochenende, sondern nach 8 bis 10 Stunden am Tag.

Felix: Ja, das stimmt.


Foto: PR

Myriam: Im Jahr 2013 habt ihr über 20.000 Mützen verkauft. Wer häkelt die alle?

Felix: Wir nennen sie immer liebevoll unsere Häkelomis. Das sind nicht einfach Angestellte für uns. Das ist für uns eine Herzensangelegenheit. Es ist auch ein wenig ein soziales Projekt. Es sind größtenteils alles Renterinnen aus der Region Hof, die es einerseits gern machen und für die es auch wichtig ist, sich neben der kleinen Rente noch etwas dazu verdienen zu können. Tja und sie häkeln dann in Heimarbeit für uns die Boshis. Ihre Zeit können sie sich frei einteilen, können beispielsweise nebenbei noch auf ihre Enkelkinder aufpassen oder so.

Myriam: Wie viele Häklerinnen beschäftigt ihr?

Felix: Mittlerweile sind es 30. Sie häkeln natürlich nicht durch. Jetzt im Sommer war weniger los, aber seit zwei, drei Wochen steigt die Nachfrage wieder an. Der Sommer ist vorbei, wir gehen auf Weihnachten zu und das macht sich in den Bestellzahlen bemerkbar.

Myriam: Ah, das bedeutet, dass die Boshis erst produziert werden, wenn jemand eine bestellt. Ihr produziert nicht, wie beispielsweise VW, auf Halde.

Felix: Nein das geht auch gar nicht. Das war der einzige Fehler, den wir mal gemacht haben und produzierten auf Lager. Aber mittlerweile haben wir mit unserem Konfigurator so viele Möglichkeiten, da wäre es schnell unser Ruin auf Lager zu produzieren. Wir produzieren also alles individuell, wie der Kunde es wünscht.

Myriam: Und wie lange dauert es bis der Kunde seine Boshi in den Händen halten kann?

Felix: Zwei bis drei Wochen.


"Unsere Häkel-Omis sind für uns eine Herzensangelegenheit."


Myriam: Ich habe auf eurer Website gelesen, dass für euch Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein auch ein Thema ist. Wie setzt ihr das bei myboshi um?

Felix: Ein großer Punkt ist unser Personal. Jeder, der für uns arbeitet, soll daran Spaß haben, dem soll es auch gut gehen. Wir beuten niemanden aus, wir zahlen angemessene Löhne und beschäftigen unsere Rentnerinnen. Wir haben jetzt auch ein neues Bürogebäude für unsere Festangestellten gebaut, sodass jeder optimale Arbeitsbedingungen vorfindet. Ergonomische Arbeitsplätze, eine Küche. Und das ziehen wir auch durch bis in die Wollproduktion. Auch da ist es uns wichtig, das in der Türkei die Arbeiter nicht ausgebeutet werden, sondern dass alles fair und gerecht abläuft. 

Myriam: Ward ihr schon einmal vor Ort - in der Türkei?

Thomas: Mehrmals. Letztes Jahr waren wir dreimal in der Türkei. Auch unangekündigt, sodass wir einmal sehen, wie es dort wirklich ausschaut. Es gibt Firmen, die kündigen das vorher an, dass sie bloß nicht sehen müssen, was dort  wirtlich passiert. Aber das machen wir nicht.


"Wir fliegen ohne Voranmeldung in die Türkei und schauen uns unsere Wollfabrik an."


Myriam: Das finde ich toll. So, zur nächsten Frage: Ich kann nur für mich sprechen: Ich würde mich nicht trauen direkt nach dem Studium in die Selbstständigkeit zu gehen. Vielleicht auch, weil ich keine zündende Idee habe. Wie ist das in Deutschland Unternehmer zu sein? Könnt ihr noch ruhig schlafen? Habt ihr Sorgen um eure Existenz? Erzählt mal!

Thomas: Ich denke, man muss davor keine Angst haben. Es gibt immer unterschiedliche Aspekte zu berücksichtigen. Wenn ich mich jetzt selbstständig machen würde und dafür ersteinmal 1 Million Euro Startkapital aufnehmen müsste, dann würde ich sagen, macht man sich da viel mehr Gedanken, als wir. Eine Bärchen Boshi kannst du aus 300g Wolle und einer Häkelnadel herstellen, das alles kostet um die 10 Euro. Wenn das so ist, würde ich immer sagen: Macht es. Eigentlich bist du mit deinem Blog auch schon selbstständig. Du kümmerst dich selbst um alles, um Beiträge. Werbung, Marketing und so weiter. 

Myriam: Ja, das ist aber mein Hobby. Ich muss damit kein Geld verdienen. Plant ihr eigentlich auch Produkterweiterungen oder bleibt ihr bei den Mützen?

Felix: Wir haben unser ganz neues Buch dabei. Da können wir einmal reinschauen. Klar war am Anfang die Mütze, aber wir sind schone mehrere Schritte weiter. 

Myriam (blättert im Buch): Kann man alles selbst machen oder auch bestellen?

Felix: Das ist alles zum Selbstmachen gedacht. Anders ist es nicht umsetzbar. An einen Poncho häkelst du locker 8 Stunden und dann brauchst du noch für 100 Euro Wolle. Das wäre einfach zu teuer. Mit Handarbeit in Deutschland ist das nicht zu verkaufen. Aber der größere Spaß ist es doch, die Sachen selbst zu machen. Das ist auch unser größeres Geschäftsfeld geworden: die Ideenentwicklung. Wir wollen den Leuten etwas an die Hand geben, dass sie selbst kreativ werden können.


Myriam: Wie lange braucht ihr eigentlich als Profis für eine Mütze, bis sie fertig ist?

Felix: Eine Stunde ungefähr.

Thomas: Für die Bärchen-Boshi allerdings etwas länger. Da gibt es noch unterschiedliche Sachen, die wir häkeln müssen. Da benötigen wir 2 Stunden.

Myriam: Das geht ja. Aber der Anfänger braucht bestimmt länger, oder?

Felix: Hm. Wie wir angefangen haben, gab es ja noch keine gescheiten Anleitungen und so hat die erste 3 Tage gedauert. Der Anfänger, der es mit unserer Anleitung macht, der braucht ungefähr 3 Stunden. Aber dann ist sie auch fertig.

Thomas: Wir haben noch einen zweiten Onlineshop. Dort verkaufen wir alles, um die Produkte selbst zu häkeln. Da kostet dann eine Boshi 15 Euro. Dafür bekommst du die Wolle, die Häkelnadel und die Anleitung. Zusätzlich erhält der Kunde auch Zugang zu unseren Videos, wo wir genau zeigen wie die ersten Schritte sind.

Myriam: So nun habt ihr allemeine Fragen beantwortet. Vielen Dank für das Interview.

Im Anschluss an mein Interview fand ein Häkel-Workshop statt. Hier könnt ihr davon einen kleinen Einblick bekommen. Recht schnell füllten sich die Bänke mit jungen Menschen - Mädchen und Jungen. Ich habe sie eine Weile beobachtet, wie sie geschäftig die Zunge in die Mundwinkel legten und ihre ersten Versuche mit der Häkelnadel unternahmen. Toll! Ich freue mich über jedes Kind, das nicht zu Hause vor der Konsole sitzt, sondern etwas Neues ausprobiert und die Welt entdeckt. :)




Die Bärchen-Boshi ist in Zusammenarbeit mit der Privat- Fleischerei Reinert entstanden. Die Firma ist u.a. bekannt für ihre Bärchen- Wurst und wollte einen passenden sowie coolen Fanartikel und so ist es zur Zusammenarbeit zwischen Reinert und myboshi gekommen. Die Mütze könnt ihr direkt auf der Internetseite von Reinert kaufen oder noch ein paar Tage warten, denn dann startet mein Gewinnspiel. Reinert stellt mir freundlicherweise eine fertige Bärchen-Boshi und ein Häkelset zur Verfügung, um sie unter meinen Lesern zu verlosen.


Foto: PR


Bei meiner Internetrecherche in Vorbereitung auf dieses Interview bin ich auch auf diese Hilfsaktion gestoßen. Der Verkaufserlös des myboshi Charity Häkelguides wird zu 100 Prozent gespendet.

* Dieser Beitrag ist in Kooperation mit myboshi und der Privatfleischerei Reinert entstanden. Meine eigene Meinung bleibt davon unberührt.

Kommentare:

  1. Häkeln macht Spaß!! Kann mir vorstellen, dass am anfang Leute schräg geguckt haben, jetzt natürlich Lügen gestraft werden, da es so gut läuft. Das die Erlöse gespendet werden ist auch ein schöner Zug der beiden, tolles Interview :)
    Liebst, Colli
    http://tobeyoutiful.blogspot.de/

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    1. Liebe Nicole,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Wenn dir häkeln viel Spaß macht, vielleicht ist dann auch mein Gewinnspiel, welches am Sonntag online geht, etwas für dich? Du bist auf alle Fälle herzlich eingeladen. :)
      LG Myri

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  2. Hey,

    du hast wie ich finde einen sehr schönen und lesenswerten Blog. Daher habe ich dich für den Liebster Award nominiert! ;)

    Weitere Infos findest du hier: http://fingerbluetentraeume.blogspot.de/2014/09/hallo-meine-lieben-ich-wurde-von-der.html

    Viele liebe Grüße
    Caro von fingerbluetentraeume
    http://fingerbluetentraeume.blogspot.de/

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    1. Liebe Caro,

      vielen, vielen Dank für deine Nominierung. Ich schau es mir auf alle Fälle an. :)

      LG Myri

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  3. Super Sache! Solche pfiffigen Start-ups finde ich immer unterstützenswert. Ich frage mich nur, wie lange dieses Mal der Hype ums Stricken, Häkeln und DIY hält. In den 1970/80er Jahren war das ja total, übrigens auch für Männer, angesagt. Und nahm ein plötzliches jähes Ende. Ich bin ein grosser Fan von allen Arten von Handarbeiten und hoffe, dass durch die derzeitige Beliebtheit einige Textiltechniken weiterleben und praktiziert werden.

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    1. Ich hoffe stark, dass es mehr ist, als nur ein Hype. Solche handwerklichen Fähigkeiten sollten wir beibehalten und fördern. Sonst können die nächsten Generationen bald nichts mehr außer Smartphones und Tablets bedienen. Und das wäre sehr schade.

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    2. Da bin ich ganz Deiner Meinung, liebe Myriam! Beides ist wichtig. Wenn ich all diese Textiltechniken anschaue, die ich gesammelt habe, da geht mir das Herz auf. Da ist so ein Reichtum an Fähigkeiten, es wäre ein grosser Verlust für die Menschheit, wenn die verloren gingen. Übrigens sind es in manchen Kulturen die Männer, die stricken und häkeln....

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