Samstag, 27. September 2014

Das Schreckgespenst Halle (Saale): Ist es wirklich so schlimm dort?

Ich lebe mittlerweile seit 7 Jahren in Leipzig und erst vor 2 Wochen war ich zum ersten Mal in Halle an der Saale. Einige meiner Leipziger Freunde haben dort studiert oder arbeiten in Halle. Und immer wenn in mir ein Funke Neugier aufflammte und ich nach Halle fahren wollte, winkten sie ab. "Das muss man nicht gesehen haben, hässlich dort, bleib lieber im schönen Leipzig." Die Leipziger sind in ihre Stadt verliebt und dulden daneben keinen anderen "Gott". So wie für New Yorker nur DIE Stadt existiert, so existiert für Leipziger nur IHRE Stadt. Die Heldenstadt. Drumherum ist nur ödes, dunkles und plattes Land. Nicht sehenswert. Und nach Berlin reisen. Oh mein Gott. Dieser Großstadtmoloch. Berlin ist zwar die Hauptstadt, aber Leipzig das Herz Deutschlands. Nach jedem Ausflug in die Spree- Metropole muss sich der Leipziger ersteinmal im Clarapark bei einer kühlen Mate von dieser Strapaze erholen und seinen hippen Hypzigern von den leidvollen Erlebnissen klagen und die Leipziger Idylle lobpreisen.

Meine lieben Leipziger, ich muss euch was sagen: Mir hat Halle gefallen. Jetzt treibt mich bitte nicht gleich mit Mistgabeln aus der Stadt heraus, lest doch einfach mal, warum mir Halle gefallen hat. ....


Halle (Saale) - 5 Türme



Es war an einem sonnigen Septembertag. T-Shirt Wetter. Ich fahre zum Hauptbahnhof, kaufe mir ein Ticket für die S-Bahn und eine Stunde später treffe ich Daniel am Fuße der Burg Giebichenstein. Wir kennen uns von der Arbeit, er lebt in Halle und es gefällt ihm. Wir laufen an der Burg entlang zur Saale. Daniel zeigt mir die Hochwassermarken und erklärt mir was die große weiße Kuh und das Pferd am Brückenpfeiler zu bedeuten haben. "Früher sollten sie den bürgerlichen Teil der Stadt, symbolisiert vom Pferd, von dem bäuerlichen Teil der Stadt, dargestellt durch die Kuh, trennen. Heute ist es genau anders herum. Die teuren Wohnungen liegen auf der anderen Seite."

Wir gehen wieder in Richtung Burg und er deutet auf die Schiffe: "Als wir letztes Jahr Hochwasser hatten, stand das Wasser so hoch, dass man die Schiffe nicht mehr richtig vertäuen konnte, sodass sie die Schiffe provisorisch an den Bäumen festmachen mussten und diese unheimlich knarzten."






Blick vom Torturm auf die Saale

Der Aufstieg auf den gotischen Torturm aus dem 15. Jahrhundert wird mit einem tollen Ausblick auf die Stadt an der Saale belohnt. Nach dieser sportlichen Betätigung haben wir uns ein Mittagessen verdient und kehren ins Objekt 5 ein. Um es auf den Punkt zu bringen: Das Essen war lecker, es wurde schnell serviert, war preislich angemessen und der Service war freundlich. Durchaus zu empfehlen. Montags bis Freitags gibt es von 12-17 Uhr ein wechselndes Mittagsangebot.

In der Zwischenzeit ist Julia, Daniels Freundin, zu uns gestoßen. Sie ist in Halle geboren und kennt viele schöne Orte und interessante Geschichten über Halle. Sie erzählt mir die Sage von Ludwig dem Springer. Er wurde in den Burgturm eingekerkert und konnte nur durch eine List entkommen. Er gab vor krank zu sein und verlangte nach Decken und frischer Luft. Man brachte ihm die Tücher und gewährte ihm etwas frische Luft am Burgfenster. Diese Gelegenheit ließ er nicht ungenutzt und sprang aus dem Fenster in die Saale. Unten wurde er bereits von seinem Diener erwartet.

Außerdem gab sie mir den Tipp bei den Franckeschen Stiftungen vorbeizuschauen. Aber dazu später mehr.




Anschließend statteten wir dem "Roten Ochsen" einen Besuch ab. Hierbei handelt es sich um ein Gefängnis mit doppelter Vergangenheit. Im Nationalsozialismus als Zuchthaus genutzt und zu DDR Zeiten als Untersuchungshaftanstalt weitergenutzt. Wir treten in den Innenhof des heutigen Museums. Daniel deutet auf das Nachbargebäude und erklärt: "Zur Museumsnacht war ich hier, es war sehr bedrückend, denn ein Teil des Komplexes wird noch heute als Gefängnis genutzt und wir konnten hören wie sich die Insassen über die Stockwerke hinweg unterhielten und sahen das spärliche Licht in ihren Zellen.




Moritzburg Halle





Die letzten vier Fotos zeigen die Moritzburg. Hier gibt es ein Museum, Ausstellungen, verschiedene Disco-Floors und ein Café. Für mehr als ein paar Fotos reicht die Zeit nicht. Wir fahren in Richtung Innenstadt, zu den fünf Türmen, die die typische Silhouette der Stadt zeigen. Ich knipse viele Fotos, grüße den versteinerten Händel auf seinem Podest und entdecke einen Supermarkt. Prima. Ersteinmal etwas zu Trinken kaufen. Es ist ziemlich warm für einen Septembertag.







In Halle gibt es viel zu entdecken, ein Tag reicht dafür nicht aus. Wir laufen am Beatles Museum vorbei. Ziemlich abgefahren, oder? Wir fahren zu den Franckeschen Stiftungen. Es ist ein riesiger Komplex aus weißen Fachwerkgebäuden. Heute beherbergt es ein Museum und Fakultäten der Universität Halle. August Herrmann Francke errichtete im ausgehenden 17. Jahrhundert sein erstes Waisenhaus und unterrichtete dort die Kinder. Sein Vermächtnis wird bis heute geehrt.


Spielehaus
Franckesche Stiftungen

Halloren Schokoladenmuseum - Schokoladenzimmer

Wie, wenn nicht in der Halloren Schokoladenfabrik, kann ein Tag in Halle ausklingen? Wer nun aber wissen möchte, warum die Hallorenkugeln so heißen wie sie heißen und was das ganze mit der Salzgewinnung zu tun hat, also der muss selbst einmal nach Halle fahren. Es lohnt sich, liebe Leipziger. :)

Kommentare:

  1. Vom Titel her hätte ich jetzt gedacht, dass du in einem Spukschloss gewesen wärst mit gruseligen Geschichten, lach.
    Ich war selbst noch nie in Leipzig, aber das Verhalten der Leipziger erinnert mich etwas an die Shanghai'er :D
    Ich bin in einer sehr kleinen Stadt bzw. mehreren kleinen Städten aufgewachsen. Ich finde, egal wo ich hingehe, es interessant ^^
    Besonders die Burg gefällt mir. Ich mag die etwas altertümliche und verlassene Atmosphäre...

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  2. Diese Assoziation mit dem Spukschloss und den gruseligen Geschichten wolle ich auch herstellen. Hat also geklappt. Sehr schön. :) Ja, die Burg war toll. Ein Teil der Burg (Untere Burg) wird noch genutzt, dort ist die Kunst Fakultät der Uni drin. LG Myri

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  3. Dankedankedanke! Ich kann den Hochmut der Leipziger nicht so ganz verstehen; ich habe selbst einige Jahre in Halle studiert und finde die Stadt toll, mit vielen Sehenswürdigkeiten und schönen Ecken, die Leipzig nicht wirklich bieten kann. Vor der Wende war Halle zwar ziemlich hässlich, aber in den letzten 10 Jahren ist dort enorm viel passiert. Schade, dass das in den Köpfen vieler Menschen noch nicht angekommen ist.

    LG, OktoberKind :-)

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    1. Vielen Dank für deinen Kommentar und BitteBitteBitte! :) LG Myriam

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  4. Ja ich kenne auch noch den Spruch: "Das schönste an Halle ist das Ortsausgangsschild Richtung Leipzig!" :P
    Ich finde deinen Bericht und die Fotos klasse, wusste gar nix von so einer sehenswerten Burg. Vielleicht schlage ich Halle mal für den nächsten Spontan-Städte-Trip meiner Familie vor ;)

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    1. Unbedingt! Vielleicht zur Museumsnacht, die findet in beiden Städten gleichzeitig statt und es gibt einen Bus-Shuttle. Oder ins Schokoladenmuseum. Auf alle Fälle lohnt sich eine Reise. LG Myri

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  5. Ich finde deine Tipps für Halle sehr gut und mir gar nicht bewusst, dass es bisher so ein "schlechtes" Image hatte. Das Beatles Museum klingt spannend, aber noch besser finde ich das Schokoladenmuseum. Ist dieses Schokoladenzimmer wirklich komplett aus Schoki? :-) Und das in original Größe? Wow, da muss ich mal hin :-)

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    1. Das Zimmer ist wohl komplett aus Schokolade, es ist aber abgesperrt, sodass man nur reinschauen kann. Es wurde noch mehr aus Schokolade gewerkelt und dort ausgestellt, glaub mir, das Schokoladenzimmer ist noch lange nicht das Beste. ;) Man kann auch in die gläserne Produktion schauen und sehen wie die Hallorenkugeln hergestellt werden. LG Myri

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  6. Hallo Myriam ,

    Vielen Dank für diesen Tollen ,bericht ich kannte Halle bis jetzt immer nur von meinen zugreisen nach leipzig . Aber anscheinend scheint sich ein Besuch dort ja wircklich zu Lohnen :)

    Vorallem das Schokoladen zimmer würde ich auch unglaublich gerne ein mal sehen ;)

    Liebste Grüße

    Joana

    www.miss-joana-blue.blogspot.de

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