Mittwoch, 16. April 2014

Kamerun - Afrique en miniature (3) Was bringt Entwicklungshilfe wirklich?

Im dritten Teil unserer Serie schlagen wir ernste Töne an und sprechen über Sinn und Zweck von Entwicklungshilfe, über Unterschiede zwischen Kamerun und Deutschland sowie über die allgegenwärtige Korruption. Aus den ersten beiden Teilen wisst ihr bereits, dass Christoph einige Tage in dem afrikanischen Land verbracht hat, warum er dort war und was er bereits alles erlebt hat, könnt ihr im Teil 1 und Teil 2 nachlesen.




Deutschland steht für Ordnung, Präzision und  Korrektheit

Myriam: Was ist der größte Unterschied zwischen Kamerun und Deutschland?

Christoph: Afrika bietet so manchen Kulturschock. Die Eindrücke von dort lassen sich nur schlecht beschreiben. Ich werde ein paar Beispiele geben:




In Afrika fährt man nach Gehör


Auf der Straße herrscht viel Chaos. Ständig wird gehupt und es scheppert. Es gibt kein einziges Auto ohne Beule. Ich sah ein "Taxi", das nicht nur einen Totalschaden gehabt haben muss. Ein Wunder, dass der Motor noch ansprang. Von der Karosserie abgesehen hatte es auch eine völlig zersplitterte und von Klebeband zusammengehaltene Frontscheibe, die bei jedem Schlagloch in den Innenraum zu fallen drohte. 

Als Taxi arbeiten auch viele Mopedfahrer, die durch die Gassen preschen. Taxis sind an ihrer gelben Frabe zu erkennen. In so einem Taxi passen locker 10 Leute hinein – ungeachtet des Modells. Möchte man ein Taxi für sich allein haben, muss man die freibleibenden Plätze auch zahlen. Im Busch fahren eher die Mopeds, worauf durchaus bis zu 5 Leute sitzen können. 

Allerdings: Fragt man einen beliebigen Autofahrer, ob er ein Taxi sei, wird er auch "ja" sagen. Fragt man ihn später ob er einen frisieren kann wird er vielleicht auch sagen, dass er Friseur sei. Sie sagen viel, aber können nicht unbedingt was sie behaupten – nehmen aber das Geld.


 
Schuhkauf auf afrikanisch

Manchmal stehen am Straßenrand lauter rechte Schuhe. Das ist dann ein Schuhladen. Den zweiten Schuh bekommt man, nach dem Bezahlen. 

Was nichts kostet hat eben keinen Wert

Die meisten Menschen haben keinen Respekt vor dem Land oder dem Eigentum. Müll wird fallengelassen wo er anfällt. Auf dem Weg durch die Gassen steigt man durch Berge von Müll – hauptsächlich Plastikverpackungen. Ruinen werden bewohnt und verfallen zeitgleich. Stürzt das Dach oder eine Wand ein, so ziehen die Bewohner in den benachbarten Raum oder das nächste freie Haus.  Jeder kann bauen wie und wo er mag, sofern er dem Dorfvorstand vorher etwas Geld gegeben hat. Entsprechend wildwüchsich ist der Städtebau. 

Müllberge in Kamerun

Es gibt ein paar alte ruinierte deutsche Häuser. Auch für andere Häuser gilt: wer das Haus einst erbaute, lebt nicht mehr und die Angehörigen ziehen wie die Heuschrecken durch den Nachlass, leben von der vorhandenen Substanz ohne neue zu schaffen. Was nichts kostet hat eben keinen Wert. Sollte kein bewohnbares Haus mehr da sein (und die Schwelle ist wirklich niedrig) zimmert man sich eben eine neue Lehm- oder Wellblechhütte. Im Zweifel wäre es auch warm genug um im Freien zu schlafen. Wir kamen an einem Haus vorbei, wo eine Außenwand schon selbstständig in Richtung Straße driftete und eine andere Wand ein großes Loch hatte. Nicht dass das mit einem Brett als Haustür etwas ausmachen würde. Am Haus war ein Schild angebracht: Zimmer zu vermieten. 





Myriam: Kamerun steht auf der Liste, der Länder mit der meisten Korruption, ganz weit vorn. Wie äußert sich das im täglichen Leben? Bist du damit in Berührung gekommen? 

Christoph: Viele Menschen haben scheinbar die Mentalität, dass sie sich immer den größtmöglichen Vorteil verschaffen wollen und am besten alles sofort haben möchten. Die Folgen ihres Handelns interessieren sie nicht. Selbst der Bürgermeister stellt sich vor die versammelten Dorfbewohner und meint, das Geld für die neue Fähre über den Fluss habe er verfressen. Es ist halt weg und man braucht neues. Der Wald wird gnadenlos abgeholzt. Es ist längst nicht mehr so grün wie früher, die Machete zum Bahnen eines Weges kann man daheim lassen. Es gibt fast nur noch Gestrüpp und Obstbäume in den besiedelten Gebieten. 

Ich selbst bin mit Korruption nicht in Berührung gekommen. Ich habe 20€ umgetauscht in CRF und bekam dafür 13.000 CFR. 10.000 CFR brauchte ich als Ausreisegebühr am Flughafen.


Thema: Entwicklungshilfe 

Myriam:  Im Vorfeld deiner Reise bat ich dich in Kamerun das Thema Entwicklungshilfe anzusprechen.
Ist die Hilfe aus den Industrienationen Fluch oder Segen?

eigenes Denken verlernt

Christoph: Hilfe ist gut, sie wird jedoch falsch angegangen. Die Afrikaner haben verlernt selbst zu denken. Die wenigen mit guter Ausbildung sagen das selbst. Man sitzt da und wartet, dass der weiße Mann kommt und etwas gibt. Stephen meinte, Not mache erfinderisch – doch die Afrikaner bekommen ja schon Hilfe wenn sie Not haben. Sie müssen nichts selbst aufbauen. Und so leben sie von der Substanz.


Hinzu kommt: Importierte Waren (Obst/Gemüse) sind billiger als die lokal produzierten. Die Afrikaner sind einerseits erbost darüber, weil sie sich selbst zwar für stark, aber von außen unterdrückt halten. Doch den winzigen Preisvorteil, der die lokalen Bauern bedrängt, nehmen sie nur allzu bereitwillig an, wenn sie ihn einstreichen können. 

Durchschlagen können die Menschen sich bereits. Aber der Sprung in ein "besseres Leben" ist nicht möglich. Meiner Meinung nach sollte man auf Bildung setzen statt auf materielle oder finanzielle Unterstützung. Es müsste einen radikalen Umbruch im Denken der Leute in Afrika geben. Ausländer sollten keinen Brunnen mehr bohren, keine Software schreiben, weniger Lebensmittel spenden. Doch das würde eine harte Umstellungszeit mit Gewalt und Toten hervorrufen und könnte Afrika auch in ein noch archaischeres Zeitalter zurückkatapultierten statt sie zu Eigeninitiative zu animieren.

halbfertige Fähre

Trotzdem glaube ich, man muss den Leuten zeigen wie sie Dinge selbst tun und davon leben können. Und man sollte sich die Ausbildung zumindest symbolisch bezahlen lassen – denn was umsonst ist, hat keinen oder ist zumindest weniger wert. Aber wie bringt man Initiative und Selbstständigkeit in den Kopf eines Menschen? 

Myriam: Vielen Dank für deine Antworten. Sie geben einen kleinen Einblick in das Leben der Menschen und lassen uns einiges besser verstehen. Gerade zum Thema Entwicklungshilfe habe ich noch einen wichtigen Nachtrag:

Die Frage ist immer: Wem nützt es?

So unschön und dramatisch es klingen mag: Die Industrienationen verdienen einen großen Batzen Geld mit der Entwicklungshilfe. Meistens läuft es immer nach dem gleichen Schema ab:

Zunächst werden Entwicklungsländer zu überdimensionalen Prestigebauten gedrängt. Staudämme oder Flughäfen sind dafür gute Beispiele. Die Aufträge gehen in der Regel an amerikanische oder europäische Firmen. Ausländer bauen mit ihrem Know-how und mit ihrer Technik in Afrika gewaltige Bauwerke. Die afrikanischen Staaten bekommen großzügige Kredite von der Weltbank. Dieses Geld wird sich auch von westlichen Banken geliehen und fließt direkt wieder in die Baufirmen. Es hat Afrika also nie gesehen.

Es kommt wie es kommen muss: Die Kredite können nicht bezahlt werden. Die Schuldenfalle schnappt zu. Korrupte Strukturen tragen ihr Übriges dazu bei.
An dieser Stelle schaltet sich in der Regel der IWF ein und erstellt einen Maßnahmenplan. 

Oberstes Gebot: SPAREN

Möglichst nicht beim Kauf neuer Waffen - die Waffenlobby ist mächtig.
Gespart wird immer bei der Bevölkerung. Subventionen für Nahrung, Sozialprogramme sprich alles was den westlichen Heuschrecken keinen Ertrag bringt, wird reduziert. 
Die Lage verschlechtert sich. Die Steuereinnahmen sinken. Man braucht neues Geld in Form von Krediten.

Kredite? Na klar, aber zu unseren Konditionen

Und wie wären die? 
Völlige Marktöffnung, keine Einfuhrzölle.
Hierzu ein Beispiel: Die amerikanische Maisindustrie wird massiv staatlich subventioniert und produziert Überschüsse. Sie können ihren Mais unter den Herstellkosten verkaufen und tun dies munter in Afrika. Die heimischen Bauern können da nicht mithalten. Normalerweise wird dies verhindert, indem Einfuhrzölle erhoben werden. Exporte kosten mehr als inländisch hergestellte Waren. 

Es geht noch weiter: Mit den Preisen von Lebensmitteln kann man auch an der Börse spekulieren. In den Jahren 2007/08 verdoppelte sich der Maispreis binnen 6 Monate. Die katastrophalen Auswirkungen für die arme Bevölkerung sind leicht vorzustellen. 

Damit ist das Spiel aber noch nicht am Ende. Schuld an diesem Disaster bekommen natürlich die afrikanischen Staaten. Sie können mit dem Geld nicht umgehen. Zum Teil stimmt das auch - sieht man die massive Korruption. Aber nur zum Teil.

Mango Baum


Man gewährt den hoch verschuldeten Staaten noch weitere Kredite. Verlangt aber im Gegenzug dafür die freie Hand über die Bodenschätze in Form von Förderlizenzen. Hierbei geht es um Rohstoffe wie Öl, Gas, Kupfer, Uran und und und. Diese werden billigst außer Landes geschafft, die eigentliche Wertschöpfung geschieht in Amerika, Asien oder Europa. Afrika bekommt vom Kuchen nur die Krümel ab, die vom Teller gefallen sind.

Wer weitere Informationen zu diesem Thema erhalten möchte, dem sei das Buch Showdown von Dirk Müller ans Herz gelegt. Ich hatte es hier bereits vorgestellt. 

Welche Chancen hat Afrika aus dieser Spirale herauszukommen? Ist es überhaupt gewollt? 
Welche Perspektive haben die Kinder in Kamerun? Heißt es nicht: Kinder sind unsere Hoffnung?



1 Kommentar:

  1. Ein sehr interessanter Artikel Myriam.
    Wir sind gerne in Afrika, waren aber noch nie in Kamerun.
    Entwicklungshilfe ist ja wirklich ein vielschichtiges und nicht ganz einfaches Thema.
    Viele Grüße von Renate

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