Donnerstag, 17. August 2017

Elektroauto – Bloß eine Modeerscheinung oder die Mobilität der Zukunft

Schaut man sich die öffentliche Meinung an, könnte man auf die Idee kommen, die klassischen Hersteller hätten diesen Trend komplett verschlafen und würden von dem Newcomer Tesla überrollt. Die Aktie stürmt von einem Gipfel zum Nächsten. Menschen stehen Schlange um Geld für eine Autoreservierung anzuzahlen. Die Skandale über rußende Benzin-Direkteinspritzer und Schummel-Diesel tun ihr Übriges.

Ein Gastbeitrag von Sebastian Golla 


Aber wie sieht die Realität aus? Ist das E-Auto wirklich schon massentauglich? 


Nun … Für mich ist es immer auch ein Warnzeichen, wenn alle geschlossen wie in Trance um ein goldenes Kalb herum tanzen. Selbst Elon Musk relativiert inzwischen den Aktienkurs des eigenen Unternehmens!
Da ich aktuell einen 16 Jahre alten VW Lupo mit fast 170.000km auf dem Tacho fahre – und auch sonst absolut kein Autonarr bin, habe ich Benzin und Elektromobile verglichen als würde ich mir morgen ein neues Auto kaufen müssen. Dabei kam ich zu folgendem Ergebnis:

1. Preis

Suchkriterien bei Autoscout24/Mobile:
ab BJ 2015, ab 75PS, 4 türig, mit Tempomat und max. 30.000km auf dem Tacho.

Bleiben wir erstmal bei VW – also VW Up. Nachfolger des Lupos (sorry … VW Fox war noch dazwischen). Einmal Benzin, einmal Elektro.

Ergebnis: Als Benziner würde ich einen finden für knapp unter 10.000€ mit HighUp-Ausstattung (höchste). Dasselbe in Elektro: 18.500€. Differenz: > 8.500€ ! Reichweite beim E-Up: 160km (NEFZ-Angabe).
Da Renault in meinen Augen die besseren / sinnvolleren Elektroautos baut, dasselbe Spiel mit o.g. Bedingungen nochmal mit dem Renault Clio / Zoe (gleiche Wagenklasse).
Clio: 9.000€ (der hat zwar den alten, etwas lahmen 1.2, dieser ist dafür aber robust und hat keine Feinstaubproblematik).
Zoe mit kleinem Akku (240km NEFZ-Reichweite): 13.500€ (Preissprünge bei den Angeboten sind massiv, hier muss ggf. wegen Mietakku aufgepasst werden). Differenz: > 4.500€
Zoe mit großem Akku (400km NEFZ-Reichweite): 25.000€. Differenz: 13.500€.

Ich habe mich bzgl. E-Autos desweiteren  auch bei anderen Marken umgesehen (Nissan Leaf, Mitsubishi IMiev), das Bild blieb aber dasselbe und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Elektroautos aktuell allesamt deutlich teurer sind als Benziner-Pendants. Es sei denn man gibt sich mit sehr wenig Reichweite und sehr billigem Interieur zufrieden. Für mich absolut keine Option, denn in Relation ist der Preis dann immer noch deutlich zu teuer. Was offensichtlich wird: Die Batterien sind schlichtweg zu teuer. Denn immer ist entweder die Reichweite schlecht oder der Preis zu hoch.

2. Alltagstauglichkeit

Für mich entscheidend ist die Frage: Kann ich als Bewohner einer Mietwohnung im Randbezirk Leipzigs sinnvoll laden ohne dass es mich permanent nerven wird?

Ergebnis: Ich muss ca. 1km fahren zu einer RWE Station in der Gießerstraße. Das Aufladen dauert allerdings mindestens 60Min für 20kwh. 20kwh reichen für realistische 180km.
Nach dem Laden muss ich das Auto wieder abholen, da man es an der Ladesäule logischer Weise nicht stehenlassen kann. Also muss ich die 60 Minuten vor Ort irgendwie „totschlagen“. Ggf. auch mehr. Ein Renault Zoe mit großem Akku bräuchte dort schon 2 Stunden zum vollladen …
Zu den Stromkosten dieser Säule erfährt man online nix, was mir ein mulmiges Gefühl in Sachen Preis/Leistung hinterlässt.

Auch sonst hinterlässt der „Ladesäulen-Markt“ mit zig einzelnen Anbietern, verschiedenen Anschlussstandards (was benötigte Adapter mit sich bringt), verschiedenen Ladegeschwindigkeiten (teils irreal langsam), teilweise nervig komplizierten Abrechnungssystemen (Notwendigkeit von Anmeldungen oder speziellen Kundenkarten) und intransparenten Preisangaben nicht das Gefühl, dass man Interesse an der Verbreitung des E-Autos hätte. Eher beschleicht mich das Gefühl, dass jeder der Masse sein Ego aufdrücken will. Also Ergebnis Alltagstauglichkeit für mich persönlich: durchgefallen.

3. Langstreckentauglichkeit

Hier kommt das meiner Ansicht nach aktuell größte Dilemma des Elektroautos – in Verbindung stehend mit dem Preis. Denn in meinen Augen ist außer den Modellen von Tesla und mit Abstrichen dem Renault Zoe mit 40kwh Akku kein aktuell kaufbares Elektroauto langstreckentauglich. Zu gering sind die Reichweiten, zu langsam die Ladegeschwindigkeiten. Es nützt auch nix zu argumentieren, ein Kleinwagen müsse keine Langstreckenfähigkeit aufweisen. Insbesondere wenn man für einen Kleinwagen 5-stellige Beträge verlangt, muss er das sehr wohl! Mein 16 Jahre alter Lupo hat uns zuletzt nach Tschechien und Polen gebracht. Ein Auto, das quasi nix mehr Wert ist, ist trotzdem noch Reise tauglich und wir können damit noch verreisen.

Ein neues Auto, das mich einen 5-stelligen Betrag kostet, das das nicht kann oder nur unter erschwerten Bedingungen, ist für mich nicht kaufbar.
Das technische Dilemma dahinter ist folgendes: Spart man beim Verbrennerantrieb (Hightech weglassen, Zylinder schrumpfen oder weglassen, günstigere Materialien verbauen usw…) dann geht zwar der Fahrspaß verloren, aber der Alltagsnutzen bleibt gleich. Ein 60PS Polo für 10.000€ bringt mich genauso mit jedem Tank 500km weit und ist in 5 Minuten wieder vollgetankt wie ein 180PS starker Polo GTI, BMW 5er oder gar ein Bugatti Veyron. Das ist beim Elektroauto nicht der Fall. Spart man beim Elektroantrieb (nur sinnvoll über Batterien machbar), verliert man massiv an Alltagsnutzen und Langstreckentauglichkeit. Starke Elektromotoren kosten kaum Aufpreis. Die Spitzenleistung ist viel mehr von der Akkugröße abhängig, weil der maximal mögliche Entladestrom von der Akkugröße abhängt. Mit größerer Reichweite bekommt man sozusagen fast gratis Mehrleistung geschenkt. Daraus folgt, dass man mit den überteuerten starken, großen Verbrenner-Modellen Kosten/Nutzentechnisch zwar mithalten kann, aber nur deshalb, weil die Autoindusterie diese zu Wucherpreisen verkauft! Von den Volumenmodellen ist man noch sehr weit weg. Und das wird auch erstmal so bleiben. Einen Durchbruch des Elektroautos in der Masse wird es in den kommenden 5 – 10 Jahren definitiv nicht geben.

4. Aber Tesla kanns doch?

Tesla nutzt die Tatsache, dass, wie bereits angedeutet, die Gewinnmarge bei hochpreisigen Verbrennerautos enorm hoch ist. Nicht umsonst hat die Automobilbranche Jahrzehnte lang mit aller Macht versucht den Menschen stark motorisierte, gut ausgestattete Autos ins Gewissen zu reden (→ „haste volle Hütte, biste cool“). Je stärker die Motorisierung und je höher die Ausstattung ist, umso mehr klingelt es in der Kasse des Automobilherstellers. 
Diese Gewinnmarge ist sogar so hoch, dass man in einem topmotorisierten Mittelklassewagen (z.B. BMW M5, Audi S4 usw…) eine LiIon-Batterie in dieser Gewinnmarge sozusagen „verstecken“ kann und trotzdem weiter Gewinn macht. Genau das macht Tesla. Daher gebührt ihnen Anerkennung. Sie holen das Maximum aus der aktuellen Batterietechnologie raus und bauen für einen Newcomer hervorragende Autos. Auf diese Weise ist das Geld sicher besser investiert als in „Bunga Bunga in Budapest“ (siehe VW Bordell-Affäre vor einigen Jahren). Aber selbst Tesla operiert am finanziellen Limit und beschränkt sich auf die teuren Luxusklassen. Man kann eine 10.000€ teure Batterie nunmal nicht in einem Auto unterbringen, das für 12.000€ verkauft werden soll.

Daher wird auch bei Tesla das Model 3 vorerst die Abgrenzung nach unten bleiben. Und damit ist auch klar, dass die aktuelle LiIon Technik nicht ausreicht um die ganzen schwach motorisierten Golfs, Astras, Focus und Co. zu ersetzen. Um das zu erreichen, bräuchte man eine Akkutechnik, die hohe Kapazitäten zu deutlich niedrigeren Preisen ermöglicht. Das dürfte durchaus auch auf Kosten z.B. des maximalen Entladestroms gehen. Es gibt zwar Ansätze (Lithium-Luft, Solid-State-Elektrolyt, aufladbare Versionen der bekannten Alkali-Batterie, Nano Flowcell), aber diese haben allesamt noch nichtmal das Labor verlassen. Toyota will die Solid-State-Technik bis 2022 serientauglich bekommen. Selbst wenn das klappt, dauert es von dort bis zur Massenproduktion nochmal etliche Jahre.

Fazit:

Ist das Elektroauto das Auto der Zukunft? Ja. Aber es wird noch sehr viel länger dauern als es sich viele ausmalen oder vielleicht wünschen. Man sollte vor allem Abstand von Verboten und Scheinargumenten nehmen. Denn diese führen zu nix. Was nützt es z.B. wenn ein reicher Staat wie Norwegen immer wieder als E-Auto-Paradebeispiel genannt wird, wenn dieser nur deshalb reich ist, weil er Öl [für Verbrennungsmotoren] an andere Länder verkauft. Das trieft beinahe vor Sarkasmus.

Was nützen Verbote, wenn die Technologie noch nicht reif (sprich: zu teuer) ist für den Massenmarkt ?
Das E-Auto wird den Massenmarkt erobern, wenn die Technologie so weit ist. Das ist aktuell nicht der Fall und wann das der Fall sein wird, ist nicht vorherzusehen. Nicht von mir, nicht von Politikern und wahrscheinlich nicht mal von den Forschern, die an neuer Batterietechnik arbeiten.

Meine Anmerkung:

Ich habe Sebastian gebeten diesen Beitrag für Namida Magazin zu schreiben,  da er sich bereits seit Jahren mit dem Thema Elektomobilität beschäftigt und das es zuweilen im Internet rege diskutiert. Mit diesem Beitrag nehme ich außerdem an der Blogparade  Fünf Thesen zur Zukunft der Mobilität von Oliver Zwahlen teil. Beiträge können bei Oliver noch bis zum 15. September eingereicht werden.

Und nun interessiert uns deine Meinung - zu E-Autos oder allgemein zur Zukunft der Mobilität.

Kommentare:

  1. Ich denke das es die Zukunft ist, wenn es die Industrie möchte!
    Wenn man sich überlegt das es das ganze schon in der Vergangenheit gab, das BMW schon ein Prototypen hatte.....
    Toller Beitrag!
    Viele Grüße
    Petra

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    1. Vielen Dank für deinen Kommentar. Das ist ein guter Punkt.
      Die Abkehr von Fahrzeugen, die mit Benzin und Diesel betrieben werden, kann auch positiv für den Frieden sein. Schließlich werden auch Kriege ums Öl geführt bzw. gibt es noch immer das Petro-Dollar-System.
      LG Myriam

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