Donnerstag, 25. Juli 2019

Leipziger Neuseenland Teil 1: Der Zwenkauer See und das vergessene Dorf Eythra

Die Idylle an den Leipziger Badeseen lässt nicht vermuten, dass dieses Gebiet noch vor 30 Jahren einer Mondlandschaft glich und eine Vielzahl von Dörfern dem Braunkohleabbau zum Opfer fielen. Der Zwenkauer See, nur zwölf Kilometer vom Leipziger Stadtkern entfernt, entstand aus einem Tagebaurestloch. Mit einer Fläche von fast zehn Quadratkilometern ist er der größte See des Leipziger Neuseenlandes und bereits touristisch erschlossen. Sein Herzstück ist der Yachhafen am Kap Zwenkau. Dieser bietet über 200 Bootsliegeplätze und ist der Startpunkt des Fahrgastschiffes "Santa Barbara".

Das Foto zeigt den Zwenkauer See bei Leipzig bei Sonnenschein mit wenig Wolken. Ein weißes Segelboot ist auf dem See zu erkennen. Am Ufer wachsen Büsche und eine Holzskulptur in Form einer Frau ist zu erkennen.
Zwenkauer See - 12 Kilometer südlich von Leipzig


Seit dem Ende der DDR war die Braunkohlegewinnung rückläufig und der Tagebau Zwenkau wurde schrittweise geschlossen. Kurz vor dem Millenium, wurde der Betrieb 1999 eingestellt und die 10-jährige Sanierung des Geländes begann. Die zurückgebliebene, verwüstete Mondlandschaft mit ihren tiefen Löchern, der lockeren Erde und den steilen Hängen musste zunächst einmal gefestigt werden. Dazu wurden riesige Mengen an Erde verschoben. Mit der aktiven Flutung wurde erst 2007 gestartet. Anschließend musste viel Geld und Zeit investiert werden, um eine gute Wasserqualität zu erhalten und das Gewässer zum Baden freigeben zu können. Im Sommer 2019 ist von dieser Vergangenheit nichts mehr zu erkennen. Die Leipziger Seenlandschaft ist zu einem beliebten Naherholungsgebiet für uns Leipziger und Leipzigerinnen geworden. Es gibt zahlreiche Freizeitmöglichkeiten, Restaurants, eine Touristeninformation und Ferienhäuschen, weil sich die Attraktivität der Gegend längst im Bundesgebiet herumgesprochen hat.

Uferpromenade in Zwenkau
Das Kap am Zwenkauer See

Einfahrt des Fahrgastschiffes Santa Barbara in den Zwenkauer Hafen.
Aus dem Tagebaurestloch entstand der Zwenkauer See - der heute touristisch erschlossen ist.

Ufernahe Fotoaufnahme von Zwenkauer See, blauer Himmel, Urlaubsstimmung.
Längst ist die Wasserqualität so gut, dass der See zum Baden freigegeben ist.

Seit 1924 wurde hier Braunkohle gefördert und über die Jahrzehnte verschwanden etliche Dörfer von der Landkarte, weil sie für den Tagebau weichen mussten. Auf Wikipedia gibt es eine Liste der abgebaggerten Ortschaften. 1982 bzw. 1987 wurden die Dörfer Bösdorf und Eythra vollständig devastiert. Einige Dörfer, wie Eythra, hatten eine über 1000-jährige Geschichte. Selbst historische Schlösser fielen dem Schaufelradbagger zum Opfer.

Teil eines Radweges, mit üppigem Grün und Blumen am Wegesrand, Ausblick auf den Zwenkauer See bei Sonnenschein.
Am Radrundweg wächst Rainfarn und viele weitere Pflanzen.

Über das Schicksal des Dorfes Eythra habe ich zum ersten Mal etwas am Zwenkauer See erfahren. Am Beginn der alten Lindenalle erinnert ein Gedenkstein an den Ort. Ab 1982 wurden die Dorfbewohner zwangsweise umgesiedelt: Zwei Drittel von ihnen zogen nach Grünau in eine Plattenbauwohnung und somit vom Dorfleben mit eigenem Garten in eine Legebatterie.
Es ist erschreckend zu lesen, wie der Abbau des Dorfes systematisch vorangetrieben wurde. 1984 wurde die Kirchengemeinde aufgelöst und die Gräber wurden auf den Leipziger Südfriedhof umgebettet. 1986 war die Aussiedlung abgeschlossen und die Abrissbirne kam zum Einsatz. Alle Häuser wurden abgerissen. Teile des zerstörten Schlosses, wie die Tapeten aus dem Römischen Saal, befinden sich als Ausstellungsstücke im Grassi Museum für Angewandte Kunst. Die vorher abgetragenen Überreste der Kirche sind auf andere Gotteshäuser in der Umgebung aufgeteilt worden, z. B. gibt es in Knautnaundorf einen Wappenstein, der sich vorher an der Kirche in Eythra befand und die Eytraer Glocken läuten nun im sächsischen Wiederau.
Wenig später fiel die Mauer in Berlin und läutete das Ende des Braunkohleabbaus in Mitteldeutschland ein. Für Eythra war es da aber schon zu spät. Auf der Fläche des ehemaligen Dorfes befindet sich heute der Zwenkauer See. Dieser ist aus dem Tagebaurestloch entstanden.

Gedenkstein im Vordergrund, dahinter Sitzbank und Teil der historischen Lindenallee
Gedenkstein zur Erinnerung an Eythra

Zwei Drittel der alten Lindenallee blieben noch erhalten und werden von einem Verein gepflegt.

Wald mit Wiese, wo Bänke, alte Grenzsteine eine Ruine zu sehen sind
Hier verlief früher die Grenze zwischen dem Königreich Preußen und Sachsen.

Lindenalle im Sonnenschein - große Bäume spenden Schatten

Heute erinnert nur noch ein Teil der Lindenallee, das Trianon aus dem Schlossgarten und einige Grenzsteine, die einst die preußisch-sächsische Grenze markierten, an Eythra. Der Heimat- und Museumsverein Zwenkau und Umgebung e.V. hat sich eigens dafür gegründet, um diesen besonderen Ort zu schaffen. Vom Radrundweg führt die schattige Allee zum hübsch bepflanzten Trianon. Dahinter verläuft ein Waldweg, der wieder zum Zwenkauer Waldbad führt. Die ehemaligen Bewohner treffen sich heute noch regelmäßig und besuchen auch die Lindenalle mit der Tempelruine, welches mittlerweile ein beliebtes Hintergrundmotiv für Gruppenfotos geworden ist.

Trianon im Zwenkauer Eichenholz Waldstück
Das Trianon ist ein beliebtes Fotomotiv für Brautpaare in und um Leipzig.

1 Kommentar:

  1. Der See und die Umgebung sehen sehr idyllisch aus.
    Erschreckend ist allerdings mit welcher Gewalt man dem Dorf ein Ende machte.
    Vom Dorfleben mit eigenem Garten in eine Plattenbausiedlung, was für ein Albtraum...
    Liebe Grüße von Heike

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